Donnerstag, 19. November 2009

Die Würde des Menschen ...

Schreibt man Immanuel Kant mit einem oder mit zwei »m«, fragt er sich. »Die Würde des Menschen ist unantastbar«, schon klar. Aber so, wie manches in dieser Welt aussieht, kann man dem Immanuel vielleicht ein »m« streichen. Immerhin wird hierzulande so mancher Person nicht mehr allzu viel von ihrer Würde gelassen. Da könnte man ein »m« vom Immanuel versteigern, ihn würde das nicht mehr sonderlich schmerzen, aber irgendein bedürftiger Hartz-IV-Empfänger könnte sich von dem Versteigerungserlös ein wenig Würde kaufen. In solchen Zeiten gibt ja auch ein Stück Brot dem Menschen wieder etwas Achtung vor sich selbst.

Dienstag, 17. November 2009

Frau Möckelberg

Frau Möckelberg kannte diese Stadt. War schon öfter durch die Fußgängerzone geschlendert. Gegenüber vom Staatsarchiv saß sonst immer ein Gitarrist. Er spielte alles Mögliche, außer »Country Roads«. Hatte ein Schild stehen: »Country-Roads-freie-Zone«. Jetzt ist das Gebäude komplett nach vorne gekippt, einfach umgefallen. Und sie fragt sich, wo denn der Gitarrist geblieben sein mag. Man sitzt ganz gemütlich in seiner Country-Roads-freien Zone und plötzlich fällt einem ein Staatsarchiv auf die Birne. So ist dann womöglich ein John-Denver-Gegner locker mal von der Geschichte Kölns erschlagen worden.

Kann ja nur bedeuten, dass so mancher verblichene Country-Sänger mächtiger ist, als gemeinhin angenommen, und das auch über seine sterblichen Tage hinaus. Durch die Kölner Ereignisse sensibilisiert, schaut sie beim Spazierengehen jetzt immer misstrauisch jedes Gebäude an, um herauszufinden, ob sich vielleicht eines einfach auf sie stürzen will. Und hinterher sagen dann alle: "Ach ja, der John war's".

Sonntag, 25. Oktober 2009

Handmade-Guitars von Scernebeke

„Alles Quatsch … !“, sagt Carsten Ellmers, der E-Gitarrenbauer und Kunstmaler aus Osterholz-Scharmbeck. „Ein Tonabnehmer kann nicht klingen; der nimmt nur ab.“ Und schon bei den ersten Worten redet er sich förmlich in Rage. „Auch ein Verstärker macht nur das, was seine Aufgabe ist: Er verstärkt. Gibst Du Dreck hinein, wird der Dreck lauter. Spielst Du aber tolle Zutaten hinein, wird er die aufblühen lassen.“ Er geht zu seiner Werkbank und drückt mir wie zufällig ein massives Stück Mahagoni in die Hand. Irgendwann wird Carsten daraus einen Gitarrenkorpus fräsen und schleifen."

Ich streiche mit den Fingern darüber, stelle mir vor, wie das Gewicht an meinen Schultern zerrt, und frage mich, ob irgendwer diesen Unterschied (… und den Einsatz meiner Schultern) jemals hören wird. Lackiert sehen sie doch alle gleich aus. Carsten sieht meine zweifelnden Augen und zeigt mir einen Schichtholzkorpus. Zu Demonstrationszwecken hat er den mal irgendwann durchgesägt. Ein kurzes Abklopfen des Bodys und schon wird deutlich, worum es geht: Dieses Stück Schichtholz ist eindeutig eine resonanzfreie Zone. „Was soll man mit einem toll aussehenden Instrument, wenn es nach Sperrholz klingt? Was soll man mit einer Mogelpackung?“, fragt er. „Genau deshalb beginnt der Klang einer Gitarre bei ihrem Holz.“ Er leitet mich durch die Galerie seiner durchweg aus massiven Hölzern handgefertigten Gitarren. Und in diesem Augenblick verstehe ich wovon Carsten spricht.

Will man den Menschen Carsten Ellmers und seine Lebensphilosophie begreifen, lohnt es sich, ihm genau zuzuhören. In seinen Gedanken steckt weitaus mehr, als nur oberflächlicher Smalltalk. Ungewöhnliche Lebensweisheiten weiß er wie Farbtupfer zwischen den Zeilen zu verstecken. Man möchte beinahe glauben, er habe das eine oder andere Wort gedankenlos hineingeworfen. Doch dieser Mann ist alles andere als gedankenlos. Der war jahrzehntelang Vollblutjournalist. Der kann das. Der kann mit Worten umgehen. Und so nimmt er seine Gesprächspartner an die Hand und rast mit ihnen in einer affenartigen Geschwindigkeit durch seine Gedanken. Keine Diva, keine Koryphäe; Profilneurosen sind ihm fremd. Ein bodenständiger Mensch, dem ein begegnungsreiches Leben sein ganz persönliches Vokabular gegeben hat. Niemals würde er beispielsweise etwas derart Kreatives, wie den Bau einer Gitarre, auf das Niveau eines reinen Werkzeugs herunterspielen. Er spricht nicht von seiner »Werkstatt«, sondern von seinem »Atelier«. Eine Gitarre ist für ihn ein Kunstwerk mit einer Seele. Und sowas entsteht nunmal nicht in einer Werkstatt.

Sein Atelier in den Räumlichkeiten eines alten Fabrikgebäudes zeigt, wie ungern Carsten Ellmers sich in irgendwelche Schemata pressen lässt. An den Wänden hängen Bilder zwischen Surrealismus und Impressionismus, die mit paradoxen Gegensätzen daherkommen. Da ist das Bild eines Storches in einer winterlichen Schneelandschaft oder die »melancholische Giraffe«, die inmitten eines mediterranen Dorfes zur Sonne schaut und sich über die zu ihren Hufen drapierte überdimensionale Schraube nicht im Geringsten zu wundern scheint. Eine mit einem Motiv von Pablo Picasso lackierte Gitarre steht wie zufällig zwischen kirchlicher Kunst. Kubismus als Selbstverständlichkeit des Seins. Ich werde später darüber nachdenken. Irgendwo liegen ein paar Gitarrenhälse, die er sicherlich beizeiten ihrem Zweck zuführen wird. In einem kleinen Bücherregal entdeckt man »Wallenstein« von Golo Mann und Publikationen über die Photographie des 20. Jahrhunderts. Der Blick wird auf ein großes sakrales Kunstwerk gelenkt: Ein aus fünf Bildern zusammengesetztes Dornenkreuz. Obgleich es den Raum beherrscht, ist es dennoch nur ein Teil der Einrichtung. Es sind die Gegensätze, die ein interessantes Ganzes ergeben. Und genau das ist Carsten. Er garniert das ihn umgebende Ambiente, jedes Gespräch und jede seiner Ideen mit vielen bedeutsamen Details. Und dann schickt er Dich auf die Suche. Mach‘ die Augen auf, Du wirst schon irgendwas finden.

„Spiel die mal ... !“, sagt Carsten und deutet auf eine Telecaster, die mit ihrer ungewöhnlichen Farbgebung meine Aufmerksamkeit fesselt. Die Eigenständigkeit der Kristall-Lackierung ist unübersehbar. Die Keramikpartikel schimmern im Licht. Und das Pickguard hat er einfach in der selben Farbe lackiert, wie den restlichen Korpus. Zumal es sich um eine Optik ineinander verlaufender Farben handelt - mag sein, man kann es vielleicht »modern-burst« nennen - ergibt die optische Wiederkehr der aquarell-ähnlichen Lackierung auf dem Schlagbrett einen wunderschönen Effekt.

„Die Tele bewahrt, wenn Du ein Stück Musik hineinspielst.“, sagt er mit leuchtenden Augen, und das handgefertigte Instrument ist der lebende Beweis für seine Worte. Sie überzeugt durch einen warmen, drahtigen Grundsound. Ausgestattet mit zwei P-90 Pickups, die über einen Dreiwegtoggle geschaltet werden, zwei Volume- sowie zwei Tonereglern, hat sie eine durchaus unübliche Bestückung. Carsten kennt da keine Skrupel. Es geht ihm nicht um irgendeine originalgetreue Replika. Es geht um Sound. Und den erreicht er auch bei diesem Modell durch einen massiven Korpus. Für den One-Piece-Maple-Neck hat »Scernebeke« sich nicht nur aufgrund der stimmigen Optik entschieden. Man fühlt einfach, dass dies die richtige Wahl für ein optimales Schwingungsverhalten ist. Die richtige Wahl für ein Stückchen Musik ist ganz sicher die Palette der Instrumente von Carsten Ellmers. Aus voller Überzeugung die Gitarren von Scernebeke. Ein Künstler, der all seine Lebenserfahrung in seine Instrumente packt. Er hat überregionale Akzeptanz unbedingt verdient.

(JP/150709)